Eine Handwerkertradition lebt
Achte Generation Tischlermeister Baumgarte

Nachforschungen haben ergeben, daß vor 1700 bereits eine Familie Brandes in Alfeld gelebt hat. Viele Beurkundungen (Taufen, Trauungen und Begräbnisse) in den Kirchenbüchern von St. Nicolai belegen dieses. Dabei kommt immer wieder der Zusatz Meister und der Fenstermacher vor, so daß angenommen werden muß, die Familie Brandes führte bereits um 1700 einen traditionsreichen und angesehenen Tischlereibetrieb in Alfeld.

In der Liste der Alfelder Hausbesitzer wird der Fenstermacher Brandes unter den Jahren 1692 und 1782 in der Planstraße Haus Nr. 257, heute Nr. 4 aufgezählt. Die Familie Brandes gibt es seit 1478 in Alfeld.
Gleichzeitig taucht in Alfeld aber auch der Name Baumgarte ebenfalls mit dem Zusatz Meister auf. Allerdings findet sich die letzte Eintragung vom 16.12.1711: Meister Hans Baumgarte ... seine Frau auf dem Gottesacker begraben lassen.

Wenn wir die spätere Entwicklung beobachten, könnten wir zu dem Schluß kommen, daß sich die beiden Familien kannten und es sich hier um unsere Vorfahren handelt!?

Aus der zuerst genannten Familie Brandes ging 1716 der Sohn Melcher Hinrich hervor der 1745 Ilse Engel Elisabeth Oppermann aus Klein-Freden heiratete. Entweder war bereits eine Tischlerei bei Oppermanns vorhanden oder sie wurde von dem jungen Ehemann eröffnet. Aus dieser Ehe ging der Sohn Johann Andreas Brandes hervor, der am 11. 11. 1777 Engel Elisabeth Röttger heiratete. Die junge Frau starb bereits am 9. 4. 1784. Der Mann wollte aber nicht lange allein sein und so durfte er mit Genehmigung schon am 25. 11. des selben Jahres die Schwester Cathrine Marie Röttger heiraten. Diese Ehe dauerte aber nicht länger als die erste, weil er verstarb . Die Witwe Cathrine Marie Brandes heiratete aber bald wieder, damit die Tischlerei fortgeführt werden konnte; und zwar den Tischlermeister Carl Heinrich Baumgarte aus Stolzenau. Von diesem Ehe-Contract und späteren Verträgen liegen Original- Urkunden vor.

Die Ehe brachte einen Sohn, Heinrich Julius, hervor. Die Mutter starb 1795 im Kindsbett. Carl Heinrich Baumgarte heiratete im darauf folgenden Jahr Ilse Catherine Schaper aus Groß Freden. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. Heinrich Julius, der am 24.8.1792 geboren war, übernahm später die Tischlerei in Klein Freden von seinem Vater, der am 28.12.1811 starb.

In den Kirchenbüchern von St. Laurentius finden wir Rechnungen eingetragen, die ab 1746 von Tischlermeister Brandes und ab 1794 von Tischlermeister Baumgarte geschrieben waren. So heißt es auf Seite 841: 'An den hiesiegen Tischlermeister Baumgarte habe eine Rechnung von verschiedenen Fenstern ... so größtentheils in Witwenhäusern gemacht laut Quitt. Nr. 12 bezahlt 3T 19gg!.

Aus Urkunden und Verträgen ist zu ersehen, daß die Familie offenbar über ein ansehnliches Vermögen verfügte, und so nimmt es nicht wunder, daß Heinrich Julius Ausschau nach einem geräumigen Grundstück hielt. Dies fand er in der ehemaligen von Liebhaberschen Oberförsterei in Winzenburg, die 1839 zum Verkauf stand. Heinrich Julius hatte Marie Sophie Weiberg geheiratet (1813 ?). Aus dieser Ehe gingen vier Söhne und zwei Töchter hervor.

Der älteste war Heinrich, Er wurde am 20 . Oktober 1814 in Klein Freden geboren. Er war somit 25 Jahre alt, als die Familie nach Winzenburg ging, um hier eine geräumige Tischlerei in den vorhandenen Gebäuden einzurichten. Erst mit 41 Jahren entschloß sich Heinrich die wohlbetuchte noch nicht volljährige Jungfrau, Luise Heise aus Everode zu heiraten, deren Vater, der Chirurgus und Kothsasse Georg Heise, bereits verstorben war.

Die Ehe, die 1855 geschlossen wurde, dauerte nicht lange, denn am 24.3.1857 starb der gut 42 Jahre alte Ehemann plötzlich. Aus Briefen liest man die Betroffenheit der Familie Heise, die sich gleichzeitig wünschten, daß Luise den jüngsten Bruder Carl August heiratet. Dieser war der Jüngste der Geschwister, er wurde am 6.10.1828 geboren. Die gewünschte Eheschließung kam bald zustande und zwischen 1858 und 1873 wurden acht Kinder geboren von denen aber nur drei aufwuchsen, nämlich das vierte Kind Louis, das sechste, Emilie, und das achte Alvine .

Carl August mit seiner Frau Luise werden den Tischlereibetrieb sicherlich zu seiner bislang größten Ausdehnung und Bedeutung ausgebaut haben. So sollen die Tischlerarbeiten der 1861 fertiggestellten Marienkirche in Winzenburg aus dieser Werkstatt gekommen sein. Wie es heißt, wurden sieben Leute beschäftigt. In den Annalen lesen wir, daß Carl August seit 1861 Bügermeister von Winzenburg war. Er starb am 26.10.1885.

Nun mußte sein einziger Sohn Louis, geboren am 1.6.1864 den väterlichen Betrieb fortführen. Da er aber eher ein sehr bedächtiger Mensch war, verkleinerte er den Betrieb, verlegte ihn in einen Raum des Wohnhauses und arbeitete hier allein. Er wurde sein Leben lang von Mutter, Schwester und Frau umsorgt, war im übrigen aber ein angesehener Ehrenmann im Dorf: Bürgermeister von 1891 - 1896, Schiedsmann, Kirchenvorsteher und Gemeinderechnungsführer. Aus seiner Ehe mit Marie Thiele aus der Teichmühle gingen vier Kinder hervor. Heinrich, Erna, Otto und Marie.Der älteste Sohn Heinrich mußte natürlich in die Fußstapfen seines Vaters treten, jedoch sorgte die Thiele-Verwandschaft dafür, daß er eine vorzügliche Lehre genoß: bei Gebr. Ohlendorf in Elze.

Als sein Vater Louis 1927 plötzlich starb, konnte Heinrich den Betrieb sofort weiterführen, und dies mit großen Plänen und Ideen. Es wurde gebaut und motorisiert. Die wichtigsten Grundmaschinen wurden bei einem Besuch der Leipziger Messe gekauft. Gesellen und Lehrlinge wurden eingestellt. Der Betrieb erfuhr während der Wirtschaftsflaute und im zweiten Weltkrieg keinen Stillstand, und nach Kriegsende wurden fünf Mitarbeiter beschäftigt. Während der Kriegsjahre übernahm Heinrich zusätzlich den Bürgermeisterposten in Winzenburg.

Sohn Adolf trat 1950 als Lehrling in den väterlichen Betrieb ein besuchte später die Technikerschule in Hildesheim und half dann seinem Vater, den Betrieb weiter zu vergrößern und auszubauen. So entstand ein großer Maschinenraum, eine Lagerhalle, Garagentrakt und eine eigene Anfahrt. Als Vater Heinrich ausschied, wurde weiterverbessert und der Bereich der Wohnungsvermietung ausgebaut. Inzwischen war Sohn Achim herangewachsen. Nach dem Abitur begann er eine Schreinerlehre in Giengen/Brenz, die er mit gutem Erfolg abschließen konnte.

Danach kam er in den väterlichen Betrieb um anschließend die Fachschule für Holztechnik in Hildesheim zu besuchen. Die Meisterprüfung wurde mit bestem Erfolg abgelegt. Nun nahm er für 15 Monate eine leitende Stellung in einem größeren Ladenbaubetrieb an.

Zurück im elterlichen Betrieb bagann man dort mit der Erweiterung. Die Fläche wurde auf 980 qm verdoppelt. Am 20. Juni 1992 wurde in den neuen Räumlichkeiten, das 200-jährige Betriebsjubiläum gefeiert. Noch im gleichen Jahr heiratet Achim Baumgarte seine Frau Britta. Die Familie vergrößert sich - zwei Jungen und ein Mädchen bevölkern das Haus. Am 1. 1. 1995 übernimmt Achim Baumgarte den Betrieb seines Vaters. In siebter Generation führt er nun die Tischlerei seiner Vorfahren ins neue Jahrtausend.

Mit Stolz und Respekt schauen wir heute auf die Generationen der Männer und Frauen, die vor uns am gleichen Werk gearbeitet haben. Mit Dankbarkeit schauen wir auf die Gegenwart und die Zukunft, die uns eine gute Chance zu geben scheint.



Winzenburg am Tag der Überreichung des Meisterbriefs an Achim Baumgarte, 6. September 1988.

Adolf Baumgarte